"Ich war noch niemals in New York" im Musicaltheater Bremen (Tourversion)

Viel an Charme verloren!

Text: Jörg Beese, Fotos: FotEventpress Stage

Es war im Dezember 2007, als im Hamburger Operettenhaus das Udo Jürgens Musical „Ich war noch niemals in New York“ mit einer lustigen, stimmungsvollen und optisch hoch ansprechenden Inszenierung seine Uraufführung feierte. Damals noch in Anwesenheit des mittlerweile leider verstorbenen Udo Jürgens, der auch danach eigentlich bei fast jeder Premiere des Musicals persönlich an anderen Standorten anwesend war. Ehe die Show um die TV-Moderatorin Lisa Wartberg im kommenden Jahr wieder für mehrere Monate am „Heimatort“ Hamburg gespielt wird, reist derzeit noch eine Tourneeproduktion durch Deutschland, die derzeit im Musicaltheater Bremen zu sehen ist. Wer allerdings die Ursprungsversion in Hamburg miterlebt hat, der wird von dieser aktuellen Version vermutlich doch recht enttäuscht sein. Denn personell wie optisch hat die Inszenierung mittlerweile doch erheblich – und zum klaren Nachteil – abgespeckt.

Nun mag die lange Zeit eher trostlose Atmosphäre bei der besuchten Vorstellung in Bremen auch der Tatsache geschuldet gewesen sein, dass der Saal bestenfalls zur Hälfte – wenn überhaupt – gefüllt war. Das es dann zumindest beim Finale noch richtig stimmungsvoll wurde, war letztlich auch mehr den Medleys der Jürgen´schen Ohrwürmer wie „Mit 66 Jahren“, „Schöne Grüße aus der Hölle“ oder dem Titelsong „Ich war noch niemals in New York“ als der Inszenierung selbst zuzuschreiben, bei der an diesem Abend überwiegend Cover-Besetzungen in den Hauptrollen agierten. Aber auch daran lag es nicht, dass der Funken lange nicht überspringen wollte. Zu sehr hat man an dieser Show herum gewerkelt und Dinge verändert. Gerade beim Bühnenbild macht sich dies negativ bemerkbar, denn vom einstigen Clou der Show, der langgezogenen und auf mehrere Decks verteilten Silhouette der MS Deutschland, ist nichts mehr zu sehen. Und auch der hohe, auf einer Drehbühne platzierte Aufbau, wurde massiv abgespeckt, so dass man den handelnden Personen zeitweise optisch gar nicht mehr folgen kann, wie es früher möglich war, wenn die Flucht auf der Hochzeitssuite angetreten werden musste. Für eine Tour muss es eben händelbar und schnell zu verladen sein, das geht mit einer Sparversion sicherlich besser, leider mit dem beschriebenen Qualitätsminderungseffekt. Bekam das Bühnenbild einst von uns fünf von fünf Sternen, so sind es aktuell gerade noch zwei.

Szenarisch hat „IWNNINY“ nachgelassen. Beispiele? So wurde die Szene im Reisebüro verändert, schließt nun mit einer Szene in New York ab, obwohl die Protagonisten nicht mal an Bord des Schiffes gegangen sind. Und die Szene mit der auf ein Navi projizierten Autofahrt nach Genua ist inzwischen so hektisch, schnell und unübersichtlich dargestellt worden, dass diese besondere Situationskomik fast völlig ihren Reiz verloren hat.

Nächstes Manko: Das Personal wurde deutlich reduziert. So war „Schöne Grüße aus der Hölle“ im Finale des ersten Akts früher eine bombastische Szene, gefüllt mit mindestens 16 rot gekleideten „teuflischen“ Tänzerinnen und Tänzern. Heute füllen gerade noch acht bis zehn Tänzer diese Szene, wobei zwei Schiffsoffiziere eingebunden werden, damit es nicht ganz so leer auf der Bühne aussieht.

Auch an der Qualität wurde beim Ensemble gespart. Gut, es war weitgehend keine Erstbesetzung auf der Bühne, aber man sollte eine gewisse Ausstrahlung erwarten. Das war bei der Hauptdarstellerin, an diesem Abend gespielt von Karin Seyfried, nicht der Fall. Man nahm ihr weder die zickige Moderatorin noch den späteren, urplötzlich erscheinenden Wandel zur emotionalen, verliebten Frau ab, zudem lag sie beim Gesang in den hohen Tönen oft daneben und klang phasenweise schrill. Tobias Licht, der als Axel Staudach für Karim Khawatmi auf der Bühne stand, machte seine Sache hingegen gut, stimmlich sauber und schauspielerisch war das eine gute Leistung. Die Eltern der beiden Hauptdarsteller wurden gespielt von Rosemarie Wohlbauer und Peter Uwe Witt, beiden kann man das Bemühen nicht absprechen, aber insgesamt blieben beide blass und ausdrucksarm, wobei die Wohlbauer angestrengt beim Gesang wirkte. Völlig lustlos wirkte hingegen die Darstellerin der Heimleiterin, Frau Dünnbügel, die von Gloria Wind gespielt wurde.

Pluspunkte der Show waren Gianni Meurer als Costa und Gerben Grimmius als Fred. Diese beiden spielten das schwule Paar ebenso hinreißend wie Mike Sandomeno den Schiffssteward. Nicht zu vergessen der junge Simon, der Axels Sohn Florian mit einer herrlich-ironischen Ader spielte und mit seiner Lockerheit das Publikum begeisterte. Und die Tänzer, gerade weil sie nur so wenig waren, sollten wir nicht vergessen, denn sie schafften es letztlich doch noch, mit ihrer Dynamik die lange Zeit lethargischen Besucher von ihren Sitzen zu holen.

Insgesamt muss man festhalten, dass für einen Kenner dieses Musicals die Tourversion keine Offenbarung darstellt. Anders dürfte dies bei denen aussehen, die „Ich war noch niemals in New York“ noch nie gesehen haben. Denn – und diesen größten Pluspunkt der Show haben wir uns bewusst bis zum Schluss aufgehoben – letztlich sind es eben die großen Ohrwürmer von Udo Jürgens, die diese Show über Wasser halten und gerade im 2. Akt auch die Emotionen wecken. Dennoch darf man gespannt sein, wie sich die Stage Entertainment im kommenden Jahr entscheiden wird, dieses Musical am Heimatstandort neu zu inszenieren. Denn die Hamburger haben die Ursprungsversion geliebt und dürften eine ähnliche „Sparversion“ wie derzeit vermutlich sehr übel nehmen.

 

"Dracula" im Stadttheater Bremerhaven

Laptop, Sex und Blaue Bohnen!

Text: Jörg Beese, Fotos: Heiko Sandelmann

Dass Regisseur Philipp Kochheim Mut zum Risiko besitzt, das ist für Musicalfans sicherlich keine Neuigkeit. Und das muss zweifelsohne auch so sein, denn ansonsten würde man ja nie innovative Vorstellungen erwarten können. Mit seiner aktuellen „Dracula“-Inszenierung am Stadttheater Bremerhaven hat Kochheim – das zeigen die ersten Kommentare in den einschlägigen Internetforen – definitiv wieder für Gesprächsstoff gesorgt. Wobei in dieser Diskussion zwar auch handwerkliche, aber insgesamt doch eher geschmacksorientierte Facetten der neuen Version des Musicals von Frank Wildhorn besprochen und auch kritisiert werden. In den persönlichen Geschmack unserer Leser wollen wir uns natürlich keinesfalls einmischen, konzentrieren uns daher komplett auf eine rein sachliche Berichterstattung.

Zunächst kann man die Bremerhavener Version unter dem Motto „kurz und knackig“ einordnen. Diverse – teils drastische – Kürzungen und Streichungen haben dafür gesorgt, dass die Inszenierung grade mal zwei Stunden (inklusive Pause) andauert. Also gerade mal 50 Minuten pro Akt, wobei wir den inszenarischen Akt meinen – ein anderer kommt an späterer Stelle noch zu Wort. Da kann man sich schon denken, dass die Kenner und Liebhaber des Musicals irritiert gucken könnten (und es an dem Abend auch getan haben), ebenso wie angesichts der Tatsache, dass die mystische Aura von „Dracula“ komplett weggezaubert wurde, da das Stück plötzlich in der Gegenwart, also im Zeitalter von „Modern Art“, Laptop und Smartphone spielt. Da stirbt ein Vampir nicht mehr dadurch, dass man ihm einen Pflock ins Herz treibt, da tun es dann auch mal ganz banale Gewehre.

Natürlich verändert sich durch die moderne Fassung vieles, das kann, muss man aber nicht akzeptieren. Wenn man sich aber damit arrangiert, dann ist dieser Fassung eigentlich gar nicht viel vorzuwerfen, im Gegenteil. Den Vorwurf, man könnte der Handlung in dieser Version nicht folgen, kann der Autor jedenfalls nicht teilen. Die Geschichte ist kurz, aber logisch aufeinander aufbauend inszeniert, allerdings sind, das muss eingestanden werden, die Handlungsabläufe zeitweise durchaus recht „sprunghaft“. Und das Mina am Ende ihren Suizid mithilfe einer Tablettenüberdosis einleitet, nun ja, da wären wir wieder bei der „Geschmacksfrage“.

Kochheim verzichtet auf jedwede Schnörkel in seiner Inszenierung, er konzentriert sich auf die entscheidenden Personen und auf die Musik. Das ist legitim, zumal er auf hervorragende Stimmen und Darsteller zurückgreifen kann. Da ist zunächst Christian Alexander Müller zu nennen, der als moderner Dracula seinen Job sehr zufriedenstellend macht, zwar etwas weniger „beißen“ darf, dafür aber in seiner Rollenauslegung etwas mehr an den „Tod“ aus Elisabeth erinnert, als permanente Figur im Hintergrund. Stimmlich ist Müller perfekt, gegen ihn hat das manchmal etwas laute Orchester des Stadttheaters keine Chance der Übertönung. Überhaupt ist die Gesangsqualität dieser Cast erstklassig, auch Anna Preckeler (Mina), Carolin Löffler (Lucy), Maximilian Mann (Jonathan Harker) oder van Helsing Darsteller Tobias Haaks können hier absolut überzeugen und sind ein großer Hörgenuss, wobei ihnen schauspielerisch ebenfalls nichts vorzuwerfen ist. Das gilt auch für Thomas Burger als Renfield, wobei man mit seiner Einordnung in die Handlung durchaus Probleme bekommen könnte, da er sich meist in einer Art Bar aufhält, was seinem eigentlichen (irren) Hintergrund nun so gar nicht gerecht wird. Auf die drei Freunde Seward, Holmwood und Morris hätte man allerdings komplett verzichten können, denn die drei waren so selten eingebunden, dass sie – abgesehen von Draculas „Schießwut“ - eigentlich überflüssig waren, zumal es auch keinerlei nachhaltigen Hinweis gab, worauf ihre Berechtigung, in diesem Stück mitzuspielen, eigentlich basierte.

Das Bühnenbild mit dem großen Aufbau auf der Drehbühne kann hochwertig punkten und versteht es nahtlos, die verschiedenen Szenarien miteinander zu verbinden. Leider gibt es praktisch keine größere Tanzszene, da hätte man sich noch etwas mehr Kreativität der Verantwortlichen gewünscht. Dafür darf man sich dann gleich zweimal mit anschauen, wie Dracula die schöne Lucy „nimmt“. Christian Alexander Müller durfte diese – gleich zweimal gespielte Szene – wenigstens angezogen spielen, während Carolin Löffler schon recht freizügig agieren musste. Einmal hätte hier völlig gereicht, die Wiederholung im Finale des ersten Akts – der Akt im Akt sozusagen – war unnötig und sorgte dann doch bei mehreren Besuchern im Saal für mürrische Gesichter.

Insgesamt ist die Bremerhavener Dracula-Version überhaupt nicht vergleichbar mit anderen Produktionen, beispielsweise in Pforzheim. Wer die anderen Inszenierungen gesehen und geliebt hat, der wird Bremerhaven vermutlich verfluchen. Für unkundige Besucher hingegen könnte es interessant werden, denn es ist ein kurzweiliger Abend, der optisch, gesanglich und auch darstellerisch einiges bereit hält. Bei Ticketpreisen zwischen 17 bis 36 Euro kann man hier wenig falsch machen, zum Diskutieren wird man hinterher auf jeden Fall genügend Themen finden.

 

"Saturday Night Fever" auf der Freilichtbühne Tecklenburg

Familienbande und Heiße Sohlen!

Text: Jörg Beese, Fotos: Heiner Schäffer

Nach „Artus Excalibur“ hat die Freilichtbühne Tecklenburg am 22. Juli auch mit ihren zweiten Großproduktion „Saturday Night Fever“ Premiere gefeiert. Und „Feiern“ ist der richtige Ausdruck, denn die voll besetzten Zuschauerränge feierten das Ensemble mit langen Ovationen, wobei der Anteil der Alexander Klaws Fans nicht zu überhören war. Auch wenn „SNF“ qualitativ nicht ganz an „Artus“ heran reicht, so liefert diese Show doch beste Unterhaltung und kann in vielen Bereichen überzeugen. Die Unterschiede liegen im Wesentlichen in der eingleisigeren Musik des Bee Gees-Musicals, dem teilweise fragwürdigen Buch sowie in der Qualität einzelner Darsteller. Zwar lenkt der Musikalische Leiter Klaus Hillebrecht sein Orchester gewohnt locker durch die Partitur, doch ein paar mehr klassische Arrangements hätte man sich hier schon gewünscht. Womit die neue Produktion, bei der genau wie bei „Artus“ wieder Ulrich Wiggers Regie führt, aber außerordentlich hoch punkten kann, sind die herausragenden Tanzchoreografien mit einem absolut spitzenmäßigen Tanzensemble, dem man gleich an dieser Stelle ein Extralob für seine Fünf-Sterne Performance aussprechen muss. Und auch das Bühnenbild kann für diese Show punkten.

Es kommt selten vor, aber in Tecklenburg wurden bereits Zusatzvorstellungen für Saturday Night Fever angesetzt. Kein Wunder, dem vernehmen nach soll die Auslastung bei bis zu 95 Prozent liegen. Unter den unzähligen Menschenmassen sind auch viele Fans von DSDS-Gewinner Alexander Klaws, der als Tarzan bereits viele Musicalfans überzeugen konnte und auch als Tony Manero eine gute Figur macht. Kein Wunder – und ein schöner humoristischer Effekt – dass auch ein Querverweis auf eben jenen Tarzan im Stück nicht fehlen darf. Es grenzt fast schon ein bisschen an einen Hype, wenn Klaws schon beim ersten Auftritt großen Szenenapplaus bekommt und auch weitere Aktionen nahezu euphorisch beklatscht werden, von seinem „Striptease“ mal ganz abgesehen. Allerdings ist es etwas unfair gegenüber Klaws´ Kolleginnen und Kollegen, die mindestens ebenso eine starke Leistung hinlegen. Mindestens! Aber für die Stimmung unter dem riesigen Zelttdach allemal förderlich.

Probleme werden die Bee Gees Fans sicherlich mit dem einen oder anderen musikalischen Arrangement haben, denn der Wiedererkennungswert einiger Nummern ist bei einer Skala von 0 bis 100 eher bei 50 oder 60 denn bei 90 bis 100 angesiedelt, wie es eigentlich sein sollte. Doch das ist eine Geschmacksfrage und nicht zu verurteilen. Das gilt auch für die Dramaturgie, denn während das Musical im ersten Teil sehr lebendig und mit großen Tanzszenen begeistert, haben nach der Pause auch die ruhigen, einsamen Momente auf dem großen Bühnenareal ihren Platz. Hier sollte jeder nach seiner Vorliebe entscheiden, wie ihm diese Mischung gefällt, handwerklich wurde der Spagat von Ulrich Wiggers jedenfalls gut gelöst, der das Stück zeitlich mehr in die Gegenwart versetzt hat. Diese Maßnahme tut dem Stück insgesamt gut, auch wenn man bei den Themen „Kirche“ und „Abtreibung“ sicherlich anno 2016 anders umgeht als vor 40 oder auch 20 Jahren.

Die Schlagzeile einer ansässigen Zeitung, die sinngemäß von „Alexander Klaws Festspielen“ sprach, können wir allerdings gar nicht teilen. Denn in Tecklenburg überzeugt – fast – das komplette Ensemble mit teilweise sehr überraschenden Leistungen. Natürlich führt Klaws die cast an und liefert eine sehr solide und gute Darbietung ab, gesanglich top, tänzerisch ohne fehl und Tadel und darstellerisch absolut glaubwürdig. Aber wer genau hinschaut, der findet noch viel bemerkenswertere Leistungen.

Da ist zum Beispiel Anne Welte als Mutter Manero. Das Anne Welte singen kann, weiß jeder Musicalbegeisterte. Doch in dieser Rolle muss sie das gar nicht so sehr. Denn in dieser Rolle ist die Schauspielerin gefragt, die den Charakter der gebeutelten und gestressten Familie glaubwürdig umsetzen kann. Und dazu kann man Anne Welte nur gratulieren, denn diese „Mutter“ ist so was von real gespielt, dass man sie für total echt hält. Da wirkt keine Sekunde gespielt, das ist große Charakterkunst und wie selbstverständlich staucht sie mal ihren Sohn und dann wieder ihren Mann zusammen. Fünf Sterne Plus für diese Darbietung!

Diese fünf Sterne verdient sich noch ein weiterer Akteur, der eigentlich „nur“ eine größere Nebenrolle spielt. Thomas Hohler ist als Bobby C das Paradebeispiel dafür, wie man seiner Figur eine imposante Bühnenpräsenz verleihen kann. Darstellerisch brillant, tänzerisch top und musikalisch....nun, da sollte man sich einfach mal seine „Tragedy“-Interpretation anschauen, als ihm ganz allein die riesige Bühne gehörte und ihm 2.300 Augenpaare unentwegt folgten. Der tosende Applaus anschließend und beim Schlussapplaus sprachen für sich, „Chapeau“ Thomas Hohler.

Das kann man übrigens auch Christian Schöne und Lisa Kolada zuerkennen. Während Schöne es sichtlich genießt, den etwas durchgeknallten DJ Monty zu interpretieren und das Haus rockt, liefert Kolada als Annette ebenfalls eine mehr als überzeugende Vorstellung ab. Bei ihr ist Gesang, viel Tanz, aber auch sehr viel darstellerische Klasse gefragt, alles kann sie liefern und wirkt dabei immer locker und natürlich, was bei der Bühnenpräsenz gar nicht so einfach ist.

Leider nicht ganz an die bislang beschriebenen Leistungen kommt Nadja Scheiwiller als Stephanie Mangano heran. Sieht man ihre Leistung, dann erstaunt diese Besetzung ein wenig, was auch beim Schlussapplaus vom Publikum entsprechend (nicht) honoriert wurde. Scheiwiller spielt ordentlich, singt sauber und tanzt vorschriftsmäßig. Aber: Ihre Stimme ist (trotz extremer technischer Unterstützung) schwach und kraftlos, vermittelt keine Emotionen. Auch ihr Spiel wirkt sehr konzentriert, verliert dadurch an Natürlichkeit. Den Unterschied bemerkt man besonders, wenn Scheiwiller fast alleine auf der Bühne ist, im Vergleich beispielsweise zu Thomas Hohler versteht sie es nicht, alle Blicke auf sich zu vereinigen, man ist nicht gebannt, sondern nur interessiert.

Weitere Abstriche gibt es im Ensemble, wie gewohnt in Tecklenburg, aber nicht. Und was die Tänzerinnen und Tänzer abliefern, ist einfach richtig stark. Da ist Feuer in jeder Bewegung, da wirken alle Bewegungen rassig, sexy, locker, dynamisch, natürlich und vor allem: hoch motiviert. Alleine schon die Tanzszenen (Choreografien von Hakan T. Aslan) sind das Eintrittsgeld auf der Burgruine wert, so macht lebendiges Musiktheater Spaß. Fünf Sterne können wir für die komplette Produktion – im Gegensatz zu Artus Excalibur - aufgrund der angesprochenen kleinen Mängel zwar nicht vergeben, aber eine Vier-Sterne-Produktion, zumal angesichts des Preis-Leistungs-Verhältnisses, ist Saturday Night Fever allemal. Und lohnen wird sich diese Show, das steht jetzt wohl schon fest, für die Freilichtbühne Tecklenburg auf alle Fälle.

 

 

Sugar - Manche mögen´s heiß" auf der Thuner Seebühne

Tolle Show - nur das Ende fehlte

Text: Tamara Kepler; Fotos: Thuner Seebühne

Das verstehe wer will. Als die Premiere von „Sugar – Manche mögen´s heiß“ auf der Thuner Seebühne bereits satte 110 Minuten lang trotz strömenden Dauerregens beste Unterhaltung geboten hatte, wurde die Show kurz vor Ende doch noch abgebrochen. Die nachträgliche Begründung mutet wie blanker Hohn an und unterstreicht wieder einmal, dass die Administration bei den Seespielen, ganz im Gegensatz zur Kreativabteilung, in Sachen Professionalität weit hinter den Ansprüchen der heutigen Zeit hinterher hechelt. „Wir wollten nicht, dass der Schlussapplaus vor halbleeren Rängen stattfindet“, so eine Sprecherin, die noch nachschob, dass die Gefahr für die Besucher, die es nicht ausgehalten hatten und vorzeitig die Tribüne verließen, “auf der unbeleuchteten Treppe zu groß wäre“. Das diese Aussage ein Affront gegenüber all denjenigen Besuchern ist, die tapfer fast zwei Stunden im strömenden Dauerregen ausgehalten hatten, schien den verantwortlichen nicht klar gewesen zu sein. Vielleicht liegt es auch an dem permanenten Personalwechseln in den letzten Jahren, dass sich auf der Seebühne einfach keine administrative Kontinuität und somit auch eine entsprechende Kommunikationsfähigkeit einstellt. Und das ist schade, denn künstlerisch hat diese neue Produktion wirklich einiges zu bieten, sowohl optisch, musikalisch, dramaturgisch wie auch künstlerisch.

Ein Schlag ins Gesicht muss der Abbruch auch für das hoch motivierte Ensemble gewesen sein. Denn das hatte sich von dem Mistwetter überhaupt nicht beeinträchtigen lassen und ein tolles Spektakel vor grandiosem Bühnenbild abgeliefert. Diese Optik, geschaffen von Marlen von Heydenaber, besteht im wesentlichen aus einer riesigen Muschel, in die die verschiedenen Spielorte hinein gebaut wurden. Dabei orientiert sich die Optik an der entsprechenden Ära, also darf die übergroße Showtreppe im Hintergrund nicht fehlen, die den revueartigen Charakter der Show unterstreicht. Aber was da im Laufe der Show noch so alles aus der in den See hinein gebauten Bühne auftaucht, das ist schon ein fettes „WOW“ wert, dagegen war „Titanic“ an gleicher Spielstätte vor einigen Jahren ja fast eine Ödlandschaft. Egal ob Zug, Boot, Hotel oder Strandliegen (auf denen zu liegen bei diesem Wetter besonderen „Spaß“ gemacht haben dürfte), der Fundus der Unterbühne scheint unerschöpflich zu sein. Und Regisseur Werner Bauer hat diese Steilvorlagen genutzt, um aus der grundwitzigen Handlung ein kurzweiliges Musical zu schaffen, das ganz im Stil der 1930 Jahre mit vielen revueartigen Tanz- und Ensembleszenen ausgestattet ist. Während Christopher Tölle für die starken Choreografien verantwortlich zeichnet, ergänzt Mareike Delaquis Porschka die Kulisse mit ihren herrlichen Kostümen und Iwan Wassilevski führt sein Orchester wieder einmal mühelos durch die klassische Partitur.

Die Handlung von „Sugar – Manche mögen´s heiß“ ist vielleicht gerade jüngerem Musicalpublikum nicht bekannt, daher hier ein kurzer Abriss: Chicago zur Zeit der Prohibition: Die Barmusiker Jerry und Joe beobachten durch Zufall, wie Mafia-Killer eine Gruppe von Rivalen erschießen. Die unterwünschten Zeugen werden von den Verbrechern entdeckt, können aber entfliehen. Als Frauen verkleidet lassen sich Jerry alias "Daphne" und Joe alias "Josephine" in eine Damenkapelle aufnehmen und reisen mit den ahnungslosen Mädchen im Zug nach Florida. Als sich jedoch Joe in die naive Sängerin Sugar verliebt und der ältere, lebenslustige Multimillionär Osgood Fielding III. "Daphne" den Hof macht, kommt es zu turbulenten Verwechslungen, Missverständnissen und urkomischen Situationen. Am Schluss reißt Jerry sich verzweifelt die Perücke vom Kopf und weist Osgood darauf hin, dass er keine Frau, sondern ein Mann sei, aber der Millionär verdreht nur verliebt die Augen und seufzt: "Nobody is perfect!" .

Die Handlung verrät schon, dass für dieses Musical viel Wert auf schauspielerische Qualität gelegt werden muss, denn die unzähligen Pointen müssen auf´s i-Tüpfelchen getroffen werden, sonst verliert das komplette Stück seine Faszination. Werner Bauer ist in Sachen Schauspiel gestählt und hat bei seiner Cast ein mehr als perfektes Händchen bewiesen.

Allen voran sind da die drei männlichen Hauptprotagonisten zu nennen. Franz Frickel (Jerry), Maximilian Mann (Joe) und Walter Andreas Müller (Osgood) singen, spielen und tanzen sich durch die Show, dass es eine Freude ist. Jede Pointe sitzt, auch weil die entsprechende Körper- und Gesichtssprache dazu passt. Frickel punktet mit seiner kräftigen Stimme, ebenso wie Mann. Müller ist der geborene Komödiant, er liefert einen perfekt jung gebliebenen Greis in Flitterwochenstimmung.

Natürlich dreht sich alles in diesem Musical um „Sugar Kane“, die in der Filmversion von Marilyn Monroe gespielt und nun auf der Seebühne durch Marie-Anjes Lumpp dargestellt wird. Lumpp ist die personifizierte „Femme Fatale“, ihr gelingt der Spagat zwischen körperlicher Animation und geistiger Stagnation perfekt, auch musikalisch versteht sie es, die Zuschauer zu begeistern. Ihr „I Wanna Be Loved By You“ ist eines der Highlights des Abends.

Doch man kann die Liste der guten Ensembleleistungen fortsetzen, sehr homogen und mit viel Spielfreude tritt diese Besetzung ihren Dienst an und verdient damit allerhöchste Anerkennung.

Insgesamt können wir der Thuner Seebühne für „Sugar – Manche mögen´s heiß“ vier von fünf Sternen verleihen. Nimmt man nur den künstlerischen Teil, dann wäre es sicherlich das Maximum geworden, aber im Kombination mit den hohen Eintrittspreisen und dem merkwürdigen Abbruch müssen wir hier einen Abzug in der „B-Note“ vornehmen. Denn es scheint sich noch nicht zu den derzeitig Verantwortlichen herumgesprochen zu haben, dass bei aller Qualität einer Inszenierung die Mund-zu-Mund-Propaganda im Musicalbereich immer noch die beste (und billigste) Form der Werbung ist. Und ein Abbruch kurz vor Spielende dürfte da kaum für gute Stimmung gesorgt haben.

 

 

My Fair Lady in Bad Hersfeld

"Es grünt so grün" in der Stiftsruine

Text: Arne Friedrich; Fotos: Klaus Lefebvre

Als George Bernard Shaws Literatur-Bestseller „Pygmalion“ der englischen Aristokratie 1913 erstmals auf einer Bühne ein Spiegelbild ihrer Arroganz lieferte, da ging ein Raunen durch den Hochadel. Als dann 1935 erstmals eine Verfilmung (mit Gustav Gründgens) anstand, war der Aufschrei schon nicht mehr so groß, da sich die Gesellschaft in Sachen gesellschaftlicher Restriktionen zumindest im Ansatz etwas bewegt hatte. Frederick Loewe und Alan J. Lerner brachten das Thema dann 1956 auch endlich als Musical auf eine New Yorker Bühne. Und nun, rund 60 Jahre später, haben Professor Henry Higgins und das Blumenmädchen Eliza Doolittle endlich die Stiftsruine in Bad Hersfeld erreicht, die für diesen Zweck eigens in einen großen „Garten“ verwandelt wurde. Ein Experiment auf Initiative von Regisseur Cusch Jung, das man durchaus als gelungen bezeichnen kann, denn diese entspannte Atmosphäre tut der kompletten Inszenierung gut, das dank der melodiösen, von Christoph Wohlleben und seinem Orchester intonierten Musik, sowie dem hervorragenden Ensemble einen Besuch wert ist.

Optisch hat das diesjährige Musical einiges zu bieten. Es wirkt schon ungewohnt, in der alten, dunklen Stiftruine plötzlich grünen Kunstrasen zu sehen (Bühnenbild Karin Fritz). Clever auch die Idee, die Wohnung des Professors in einer Art Zelt - passend zur Gartenatmosphäre - unterzubringen. Auch der übergroße Phonograph, der zur Unterstützung von Elizas Sprachversuchen dient, ist sehenswert platziert. Fast noch sehenswerter aber sind die Kostüme inklusive der Hüte. Denn die gehören nun mal zu einer guten My Fair Lady-Inszenierung dazu und Ella Späte hat nicht nur bei den Kleidern dick aufgetragen, sondern auch mit den extrovertierten Damenhüten beim Pferderennen in Ascot absolute Hingucker geschaffen. Choreografien hat „MFL“ bekanntermaßen wenig zu bieten, doch die wenigen großen Ensembleszene sind von Melissa King sehr gekonnt arrangiert worden, allen voran die „Parade“ der Müllkollegen von „Papa“ Doolittle, der von Ilja Richter mit einer wunderbar frischen und lockeren Art interpretiert wird. Richter ist der heimliche Star der Show, wie egoistisch, skrupellos und gleichzeitig liebenswürdig er durch die Handlung schlendert, ist alleine das Eintrittsgeld wert.

Womit wir auch schon bei den Künstlern wären. Und die sind absolut ihr Eintrittsgeld wert. Allen voran Eliza-Darstellerin Sandy Mölling. Überraschte sie im letzten Jahr bereits bei der Aachener Cabaret-Inszenierung, so zeigt die ehemalige No Angels Sängerin auch in dieser Großproduktion auf ganzer Linie. Singen kann sie sowieso, aber auch darstellerisch und tänzerisch kann sie voll überzeugen. Respekt, wie sie es schafft, den Berliner Akzent der frechen Blümengöre umzusetzen, dass selbst der „Berliner Jung“ Ilja Richter dem Vernehmen nach begeistert gewesen sein soll.

Als oberlehrerhafter Henry Higgins versucht Regisseur Cusch Jung höchstpersönlich, aus Eliza eine Lady zu machen. Besonders der arrogante Teil gelingt ihm sehr gut, nur die späte Wandlung zum ebenso reumütigen wie mitfühlendem Partner ist etwas zu schnell arrangiert und dadurch wenig glaubwürdig.

Neben dem beim Publikum hervorragend angenommene Ilja Richter heimst auch Gunther Emmerlich alias Oberst Pickering Lorbeeren ein. Mit seinem Charme, seinem trockenen Humor und seiner klaren Gesangsstimme kann Emmerlich ebenso begeistern wie mit seiner gespielten Naivität, die für zahlreiche Lacher sorgt.

Auch bei den Nebenrollen hat das Kreativteam bestens besetzt. In den Charakteren von Mrs. Pearce, Mrs. Higgins sowie Freddy Eynsford-Hill schließen sich Jessica Kessler, Gertraud Jesserer und Marlon Wehmeier nahtlos dem Quartett der Hauptakteure an. Da gilt auch für Christian Schleinzer und Hunter Jaques, die Alfreds Kumpel Harry und Jamie spielen. Insgesamt kann das Ensemble in Bad Hersfeld auf ganzer Linie überzeugen, sein hohes Können sowie große, spürbare Motivation verdient sich am Ende entsprechende Ovationen auf den Rängen.

Insgesamt ist die aktuelle My Fair Lady bei den diesjährigen Bad Hersfelder Festspielen eine angenehme Abwechslung zu den oft angestaubten Standardproduktionen dieses Musicals. Schwungvolle, sehr schön arrangierte Musik, klarer Gesang, sehenswerte Choreografien, gute Technik, eine stringente Regie sowie ein hervorragendes Ensemble sorgen für einen kurzweiligen Abend. Kein Wunder, dass es nur noch wenige Restkarten für die Show gibt, wer noch keine Tickets hat, muss schon nach freien Plätzen suchen. Von uns gibt es für diese Inszenierung vier von fünf Sternen.

 

 

Der kleine Horroladen in Bad Vilbel

Scrivello lässt die Knochen knacken

Text: Vanessa Schriefer; Fotos: Eugen Sommer

Die Wasserburg in Bad Vilbel ist wie gemalt dafür, als Hintergrundkulisse für den Musical-Klassiker „Der kleine Horrorladen“ zu spielen, den Alan Menken (Musik) und Howard Ashman (Buch) 1982 erstmals in New York auf die Bühne brachten. Als Vorlage diente damals der Film „Kleiner Laden voller Schrecken“ aus dem Jahr 1960. Nun, im Sommer 2016, ist die Geschichte um die Fleischfressende Pflanze Audrey II auch bei den Burgfestspielen in Bad Vilbel angekommen. Unter der musikalischen Leitung von Philipp Polzin hat Regisseur Christian H. Voss eine schwarze Komödie mit teilweise (zu) herben Humor auf die Open-Air Bühne gebracht, die beim Publikum gut ankam, aber auch ein paar Fragezeichen aufwarf angesichts der Tatsache, dass mache Form des gesprochenen oder gespielten Humors kaum noch in den Bereich „Jugendfrei“ einzuordnen ist.

Zur Handlung: Weil das Blumengeschäft von Mister Mushnik nicht läuft, schleppt Seymour Krelborn, der schusselige Angestellte, eine neue Pflanze an, die er zufällig gefunden hat. Er nennt sie nach seiner Arbeitskollegin und Angebeteten Audrey, einem naiven Blondchen. Audrey II. verlangt jedoch nach Menschenblut. "Fütter mich!", fordert sie. Die Pflanze sorgt für ungeahnten Aufschwung und großes Medieninteresse. Bald reicht ihr Seymours Blut nicht mehr - Audrey II. will feste Nahrung. Der gutmütige Seymour ist entsetzt: Denn er kennt niemanden, der es verdient hätte, zerhackt und an eine hungrige Pflanze verfüttert zu werden. Niemanden? Oh doch, er kennt jemanden." Audrey I. hat nämlich einen sadistischen, Motorrad fahrenden Zahnarzt als Freund, der sie regelmäßig verprügelt. Dieser Mann wird das erste Opfer des nimmersatten Gewächses. Doch er ist nicht das letzte Opfer...

Der kleine Horrorladen lebt von den Überzeichnungen seiner Charaktere. So ist Audrey I das absolut klassische, naive Dummchen, dem in Bad Vilbel auch der letzte Funken verstand abhanden gekommen ist. Ihr Partner Seymour schwankt permanent zwischen Choleriker, Geschäftsmann und Romantiker, während Zahnarzt Orin Scrivello als verkappter und völlig durchgeknallter Udo-Lindenberg Verschnitt seinem S/M-Hobby nachgeht, ob da nun zufällig ein Patient oder seine Freundin vor ihm steht, spielt dabei für Orin gar keine Rolle. Hauptsache, es geht derbe zu.

Sehr gut besetzt und inszeniert hat Voss in Bad Vilbel die drei Soulgirls Chrystal, Chiffon und Ronette, die von Janice Rudelsberger, Stefanie Smailes und Anja Backus gespielt werden, die erfrischend fröhlich durch das Programm führen und es begleiten. Eher enttäuschend von den Nebenrollen ist dagegen die Stimme von Audrey II, die Sonja Herrmann doch recht flach flach ins Auditorium rüber bringt und die man zweifelsfrei schon wesentlich kräftiger und bissiger an anderen Spielorten gehört hat.

Der Star dieser Inszenierung ist aber ganz klar Raphael Koeb alias Orin. Koeb versteht es perfekt, auf seine schlaksige Art den puren Sadisten darzustellen, der in erster Linie sich selbst und in zweiter Linie sein eigenes Ego liebt. Es macht Spaß, Koeb zuzuschauen, auch wenn der ein oder inszenarische Einfall der Regie doch etwas starker Tobak ist, so zum Beispiel die „Schluck“-Szene“ mit den drei Soulgirls. Nicht annähernd an die Ausstrahlung von Koeb heran kommt Krisha Dalke als Seymour, doch das ist auch so gewollt. Dieser Seymour kommt sehr entspannt und introvertiert daher, umso überzeugender sind seine Stimmungsumschwünge, je nach Szenario. Irgendwie erinnert Dalke an Harry Potter, ehrgeizig einerseits, aber auch naiv und ein wenig hoffnungslos.

Julia Elena Heinrich als Audrey I tut das, was sie tun muss. Sie stöckelt durch die Gegend und erfüllt alle Klischees, die man Blondinen seit Ende der Stummfilmzeit nachsagt. Sie könnte darstellerisch sogar noch etwas mehr überziehen, singt jedoch mit einer feinen und sehr hörbaren Stimme, der man gerne lauscht. Theodor Reichardt komplettiert die Hauptrollen mit einer sehr souveränen, ruhigen und sachlichen Auslegung. Er emotionalisiert die Beziehung zu Seymour nicht zu sehr und macht aus der (buchbedingt) eher unterrepräsentierten Rolle das beste, was man herausholen kann.

Die Kostüme von Monika Seidl sind teilweise sehr extrovertiert ausgesucht und tragen zum guten Gesamtbild bei. Nicht alle Ausstattungen werden auf einhellige Zustimmung treffen, aber das ist eine reine Frage des persönlichen Geschmacks und daher nicht zu bewerten. Martin Ruppels Choreografien hingegen sind sehenswert und lassen besonders die Soulgilrs glänzen.

Fazit: Für die diesjährigen Burgfestspiele hat Bad Vilbel sich etwas ausgedacht. Denn „Der kleine Horrorladen“ kommt nicht bieder daher, sondern provoziert und eskaliert teilweise sogar. Wie man dazu steht, das muss jeder Besucher selbst entscheiden. Kinder unter 14 Jahren würde die Autorin persönlich nicht mit in diese Show nehmen, dann schon eher den Typ „machohafter Lebemann“. Aber zu Diskutieren hat man nach dieser Show zweifelsohne und damit hat Musiktheater bereits einen sehr ursprünglichen Zweck erfüllt: Man redet drüber! Von uns drei von fünf Sternen.

 

 

42nd Street in Meppen

Glanz und Glamour im Emsland

Text: Vanessa Schriefer; Fotos: Andreas Schneiders.

Was in Wiesbaden erfolgreich war, das kann im Emsland auch nicht zerrissen werden. Das dachte sich möglicherweise Regisseurin Iris Limbarth, die bereits 2013 am Hessischen Staatstheater eine sehenswerte Inszenierung von 42nd Street auf die Beine stellte und dies nun auch unter großen Ovationen des Publikums auf der Freilichtbühne in Meppen getan hat. Dabei kann sie sich auch auf Unterstützung aus hessischen Tagen stützen, denn der damalige Musikalische Leiter Jason Weaver hat gemeinsam mit Frank Bangert die Musikalische Leitung und Reinhard Wust zeichnet erneut für das Bühnenbild verantwortlich. Das der Rückgriff auf Bewährtes etwas Positives hat, beweisen auch die Engagements von Rainer Maaß alias Julian Marsh und Tim Speckhardt als Billy Lawer. Insgesamt bietet die Freilichtbühne Meppen mit 42nd Street ein Musical, das weniger von der Geschichte als vielmehr von den monumentalen Bildern und den herausragenden Choreografien lebt, für die ebenfalls Iris Limbarth verantwortlich zeichnet. Das über 60-köpfige Ensemble füllt die Bühne dabei optisch wie darstellerisch mit Leben und sorgt für einen kurzweiligen Abend.

Zur Handlung: "Komm mit mir, ich zeige dir eine Straße, die im Rhythmus erglüht. Voll und ganz erfüllt von Tanz singt sie rastlos ihr pulsierendes Lied – 42nd Street." Diesem Ruf dorthin, wo Theaterträume wahr werden, folgt die junge Peggy Sawyer. Vom Land reist sie nach New York, um am Vortanzen für Julian Marshs neue Show teilzunehmen. Tatsächlich wird sie ins Ensemble aufgenommen und lernt dort neben der harten Arbeit, die eine große Broadway-Produktion mit sich bringt, auch persönliche Animositäten unter den Mitwirkenden kennen. Als sich Dorothy Brock, der Star der Aufführung, bei einer Voraufführung verletzt, scheint die Show vor dem Aus zu stehen. Peggy wird die Schuld an dem Unfall zugeschoben und wird von Julian Marsh gefeuert. Doch das Ensemble überzeugt den Impresario von Peggys Qualitäten.

Nach der Uraufführung 1980 in New York blieb 42nd Street für über acht Jahre am Broadway und wechselte wegen des großen Besucheransturms zwei Mal in ein größeres Theater. 1981 gewann die Produktion den Tony Award als ›Bestes Musical‹, in weiteren Kategorien war das Stück nominiert. Ihre deutschsprachige Erstaufführung feierte die Show 2003 in Stuttgart, wo sie über ein Jahr lang die Besucher begeisterte. Das Musical ist geprägt von der Musik und den Tanz-Revuen der 1930er/40er Jahre, deren zentrales Element der Stepptanz ist. Leichtigkeit, Energie und gute Laune des Stepptanzes vereinen sich in 42nd Street zu einem pulsierenden, mitreißenden Rhythmus, der, verknüpft mit Songtiteln wie „Zeig’s allen und tanz“, „Jetzt rollt der Rubel“ oder „Alles Schlechte hat auch eine gute Seite“, eine Show voller Optimismus und Lebensfreude garantiert.

Die Lebensfreude siegte auch im Esterfelder Forst, in dem die Freilichtbühne liegt. Das Publikum summte und swingte zu den schmissigen Melodien und den rasanten Tanzdarbietungen munter mit. Dazu kamen die optischen Effekte auf der Bühne, die gerade unter der Einwirkung des Lichts noch an Wirksamkeit zunahmen. Überhaupt war die Bühne genial angerichtet, so wirkt im Hintergrund ein riesiger, fächerartig aufgebauter Lichtaufbau nach dem Guckkastenprinzip, im Vordergrund sind diverse Teile, wie ein riesiger Flügel oder auch mal ein Tresor zu sehen, die intensiv in das laufende Spiel eingebunden werden, sogar bei Tanznummern.

Iris Limbarth hat gar nicht erst versucht, der losen Story eine Tiefe zu verleihen, sondern hat die Stärken des Musicals betont, die Tanzszenen sowie den Humor. Diese Vorgabe setzt das aus Gästen und eigenen Darstellern zusammen gefügte Ensemble nahtlos um, das sich auch vom einsetzenden regen nicht beeinflussen ließ. Die hohe Motivation zeichnet diese Cast aus, aus der man daher schwerlich Einzelpersonen hervorheben möchte. Sehr authentisch auf alle Fälle Ulrich Kaßburg, der sich die Rolle des Julian Marsh mit Rainer Maaß teilt. Ebenfalls ein Genuss ist Nina Links als Peggy Sawyer, die sowohl schauspielerisch wie gesanglich voll überzeugen kann. Fast noch sehenswerter ist die „Bühnendiva“ Dorothy, gespielt von Julia Felthaus, die den Charakter dieser personifizierten Extravaganz herrlich durch den Kakao zieht und zum Publikumsliebling avanciert. Diese drei KünstlerInnen stehen stellvertretend für ein extrem harmonisches und sehr motivierendes Ensemble, mit dem die Freilichtbühne absolut punkten kann, das wir hier aber aus Platzgründen leider nicht im Detail aufzählen können.

Fast 300 Kostüme wurden dem Vernehmen nach für diese Show von Heike Korn angeschafft, dabei ist es absolut gelungen, den Glamour der 1930er Jahre im Emsland zu replizieren. Auch der Technik gebührt ein Lob, denn trotz des Wetters funktionierten Licht und Ton prächtig. Insgesamt ein wunderbarer Abend, der den Musicalfans eine – zugegeben lange und verkehrstechnisch manchmal nicht unkomplizierte – Anreise nach Meppen ans Herz legen sollte. Aber die wetterfeste Kleidung nicht vergessen!

 

 

Sunset Boulevard in Ettlingen

Große Gesten einer alternden Diva!

Text: Vanessa Schriefer; Fotos: Schlossfestspiele Ettlingen.

Im Schlosshof zu Ettlingen ist wieder gebaut worden. Nicht, um maroden Putz oder durchlässige Dachpfannen zu flicken, sondern um Hof halten zu lassen. Diejenige, die sich dort zukünftig bis Mitte August huldigen lassen möchte, heißt Norma Desmond und für deren Anbeter wurde eigens, wie in jedem Jahr, die große (überdachte) Zuschauertribüne zum Ettlinger Schloss geschafft, damit die eingefleischten wie auch gelegentlichen Musicalfans sich ein Bild von Andrew Lloyd Webbers alternder Filmdiva und ihrem (fast) jugendlichen Gigolo-Autoren Joe Gillis auf dem legendären „Sunset Boulevard“ machen können. Intendant Udo Schürmer hat wie immer die Regie bei seinem alljährlichen Musicalprojekt übernommen und wieder einmal hat er etwas Großes geschaffen. Denn die neue Inszenierung ist stimmig, optisch anspruchsvoll, musikalisch vielseitig und darstellerisch hervorragend. Einzig die Technik war zur Premiere noch nicht wirklich eingespielt, die Tonabmischung sowie die Orchesterlautstärke sollten sich aber in den Folgevorstellungen schnell einspielen.

Schon optisch hat Bühnenbildner Steven Koop eine clevere Bühnenansicht gewählt. Die große, unverzichtbare Freitreppe wurde auf der rechten Bühnenseite platziert und nicht nur für Normas große Auftritte genutzt, sondern beispielsweise auch für die Szene in den Paramount Studios. Während die Bühnenmitte den Szenen in der Villa gewidmet ist und auch für größere Ensemblenummern genutzt wird, verbleiben die anderen Locations (Paramount-Büros, Drugstore) auf der anderen Seite. Das Orchester unter dem Musikalischen Leiter Jürgen Voigt ist wie immer mittig im Zimmer hinter dem Balkon im Schloss untergebracht. Apropos Ensemblenummern: Bart de Clercq hat schwungvolle Choreografien geschaffen, die zwischen den vielen tragenden und teilweise sehr theatralischen Szenen zwischen Norma, Joe und Diener Max für willkommene Abwechslung sorgen.

Die Story ist schnell erzählt. Auf der Flucht vor Gläubigern (übrigens sehr intelligent und kreativ in Szene gesetzt) landet der erfolglose Autor Joe Gills in der alten Villa des Stummfilmstars Norma Desmond und ihres Butlers Max. Norma träumt immer noch von einem Comeback auf der großen Bühne und hat dazu ein Script geschrieben, dass Joe nun gegenlesen und überarbeiten soll. Joe nimmt an, da ihm Norma entsprechendes Honorar sowie Kost und Logis verspricht, wobei sie darunter mehr versteht als Unterkunft und Essen. Als sich der junge Autor aber in die Produktionsassistentin Betty Schaefer verliebt, kommt es zum finalen Showdown und Normas letztem großem Auftritt.

Musikalisch leisten Jürgen Voigt und sein Orchester sehr gute Arbeit und setzen die anspruchsvolle Partitur hervorragend um. Das Zusammenspiel mit dem Ensemble funktioniert hervorragend, die leichten Tonprobleme sind zwar kurzzeitig störend, aber kein wirkliches Problem. Die Highlights sind jedenfalls alle gut zu verstehen, seien es Normas Ohrwürmer „Nur ein Blick“, „Träume aus Licht“ und „Als hätten wir uns nie Goodbeye gesagt“ oder auch Max´ Epos „Kein Star wird jemals größer sein“. Dazu die großen Ensemblenummern wie „Nur noch ein Jahr“, „Die Rechnung zahlt die Dame“ oder „Schwab´s Drugstore“, alles fügt sich akustisch harmonisch in ein großes Gesamtbild ein.

Um diesen Effekt zu erreichen, bedarf es großer Stimmen. Und die kann Ettlingen 2016 vorweisen. Allen voran Betty Vermeulen, die mit der Tanja aus MammaMia nun wirklich gar nichts gemeinsam hat. Natürlich dürfte der ein oder andere Probleme mit der theatralischen Darstellung dieser alternden Diva haben, aber das gehört nun einmal zu dieser Rolle. Vermeulen löst den Spagat zwischen ehrgeiziger Schauspielerin und tragischer Heldin brillant, ist schauspielerisch eine Traumbesetzung für diese Rolle und kann auch gesanglich voll überzeugen.

Da wirkt logischerweise der Joe Gillis an ihrer Seite sehr blass, was gewollt zu sein scheint. Zwar blitzt immer wieder mal der rebellische Faktor in Thomas Klotz auf, der diesen Part durchaus glaubwürdig spielt, aber im Endeffekt ist er sich darüber im klaren, dass seine Rolle im Hause der Desmond nicht mehr und nicht weniger ist als die eines abhängigen Gigolos. Erst zum großen Finale hin treibt ihn die Mischung aus Resignation und Hoffnung zum verhängnisvollen Aufbegehren. Musikalisch ist Klotz dabei in allen Szenen sehr hörenswert.

Der heimliche Star des Abends ist aber Hans Neblung, der wieder einmal in einer Charakterrolle als Max von Meyerling überzeugt. Künstlerisch ein Genuss summen die Besucher sein „Kein Star wird jemals größer sein“ auch noch beim Verlassen der Tribüne vor sich her.

Dorotheé Kahler rundet die Riege der Hauptdarsteller ab, sie ist eine starke Betty Schaefer, kann sowohl die leichten wie auch die tragenden und nachdenklichen Augenblicke ihrer Rolle wunderbar umsetzen und ist stimmlich einfach ein Genuss.

Das Kompliment für die Hauptrollen kann man auf den Rest des Ensembles übertragen. Ähnlich wie ein Ulrich Wiggers versteht es auch Udo Schürmer, beim eingesetzten Personal immer wieder ein goldenes Händchen zu beweisen. Es macht einfach Spaß, dieser Cast zuzuschauen und zu -hören. Ein Kompliment muss man auch Anne Weiler machen, die die Künstler in abwechslungsreiche und sehr sehenswerte Kostüme gekleidet hat.

Insgesamt hat diese Sunset Boulevard Inszenierung ein sehr bemerkenswertes Level erreicht. Man hätte sich seitens des Publikums noch etwas mehr Euphorie gewünscht, diese wird aber hoffentlich in den kommenden Wochen noch erfolgen..In den Bereichen Optik, Musik, Regie und Darsteller verdienen sich die Schlossfestspiele Bestnoten, einzig die doch etwas spärlichen Requisiten lassen uns statt der Bestnote „nur“ fünf von sechs Sternen verleihen. Aber einen Besuch lohnt diese Inszenierung auf jeden Fall!

 

 

Die drei Musketiere in Bad Gandersheim

Künstler und Musik hui - Optik pfui!

Text: Jörg Beese; Fotos: Rudolf A. Hillebrecht.

Die Anreise ließ Schlimmes erahnen, denn rund zwei Stunden verdunkelte sich der Himmel in Niedersachsen und es stürzten Wassermassen auf die Straße, die phasenweise ein Weiterkommen mit dem Boot als dem Auto sinnvoller und zügiger erschienen ließ. Doch rund 15 Minuten vor der Ausfahrt Bad Gandersheim riss der Wolkenvorhand wie an einem Reißverschluss plötzlich auf und die Premiere des Musicals „3 Musketiere“ vor der Stiftskirche bei den Domfestspielen konnte in kompletter Länge unter strahlend blauem Himmel und ohne jedwede Blitze oder Donnergeräusche auskommen. Beste Voraussetzungen also für das Musical von Rob und Ferdi Bolland, die Degen klingen zu lassen. Aber auch, wenn viele Elemente dieser Inszenierung von Craig Simmons durchaus gefallen können, so werden eingefleischte Musketier-Fans womöglich enttäuscht sein. Denn gerade bei der Optik bleiben einige Dinge fragwürdig, stoßen die Domfestspiele erstmals an eine Grenze. Und auch im Ensemble kann trotz guten Gesamteindrucks nicht jeder Hauptdarsteller restlos überzeugen. Für den normalen Theaterbesucher, der hingegen noch nie eine andere Inszenierung der Musketiere gesehen hat, ist der Abend hingegen gute Unterhaltung, wie der Schlussapplaus nach der Premiere zeigte.

Nun war es absehbar, dass es nach den großartigen Leistungen in den letzten Jahren mit dem Höhenflug im Harz nicht unendlich weitergehen konnte und irgendwann eine Konsolidierung einsetzen würde. Das ging anderen Musicalbühnen in der Vergangenheit ja auch so. Intendant Christian Doll dachte sich wohl, dass die Kulisse der Stiftskirche gut zum Thema passen würde, womit er durchaus recht hatte. Aber: „3 Musketiere“ ist ein Musical, dass noch mehr als Andere von den Massenszenen lebt, darauf viele seiner Gänsehautmomente aufbaut. Das unterscheidet es von anderen Produktionen, in denen der Fokus (fast) alleine auf die Hauptdarsteller gelegt werden kann. Und genau das ist das Problem, denn in Bad Gandersheim ist es gar nicht möglich, ein solch großes Ensemble auf die Bühne zu stellen, weder finanziell noch platztechnisch. Hinzu kommt neben dem gewohnt minimalistischen Bühnenbild ein ganz übler Fauxpas bei den Kostümen und der Maske (Perücken und Frisuren teilweise arg fragwürdig), denn es wirkt, als ob Kati Kolb hier die Überreste eines ausgelösten Kostümfundus beschafft hätte, oft passen die Outfits der Künstler nicht wirklich zu ihren Charakteren. So erscheinen beispielsweise die drei Musketiere Athos, Porthos und Aramis nicht in identischer Kluft, kommt der negative Charakter der Kardinalsgarde optisch kaum zum Tragen und läuft Milady de Winter den ganzen Abend in einem dunkelgrünen „Abendkleid“ über die Bühne, das ihrer Rolle eher unangemessen ist, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Und genau diese Optik ist es, die letztlich diverse Abzüge in der A- und B-Note mit sich bringt.

Da in Bad Gandersheim in gut zwei Stunden ohne Pause durchgespielt wird, hat das Kreativteam etliche Passagen gekürzt oder sogar gestrichen, wie etwa D´Artagnans Überfahrt nach England. Das ist legitim und verzeihbar, kurzweilig bleibt die Inszenierung auf alle Fälle. Craig Simmons hat sich bei der Regie auf Altbewährtes gestützt und neuen Ideen eine Absage erteilt. Gespielt wird – wie eigentlich immer bei den Domfestspielen – oftmals auch auf der Zuschauertribüne, die unter anderem mit einem langen Steg direkt mit der Bühne verbunden ist. Auf selbiger ist auf der rechten Seite eine höhere Treppe mit Podest angesiedelt, während linker Hand ein kleines Podium mit zwei im Hintergrund angesiedelten Säulen steht. In der Mitte hinter der Bühne ist das neunköpfige Orchester unter der Leitung von Heiko Lippmann platziert, das seine Sache sehr gut macht, anfangs allerdings manchmal noch etwas zu laut agiert und in den ersten ca. 15 Minuten die Künstler leicht übertönt. Das legte sich aber sehr schnell, überhaupt muss man dem Ton ein Kompliment aussprechen, denn offenbar hatte die Nässe der Vortage Spuren in der Soundanlage hinterlassen, doch schafften es die Techniker, diese Probleme schnell in den Griff zu bekommen und für reibungslose Akustik zu sorgen.

Ein ganz großes Kompliment muss man Christian Ewald für seine Fechtchoreografien machen, die sehr dynamisch und abwechslungsreich dargestellt werden und offenen Szenenapplaus bekommen. Die Tanzchoreografien von Marc Bollmeyer sind ordentlich, leiden aber eindeutig unter dem zu kleinen Ensemble, denn bei Songs wie „Einer für Alle“ oder „Nicht aus Stein“ braucht man einfach mehr Tanzensemble auf der Bühne, um die volle Wirkung dieser Highlightszenen zu erzielen.

Und damit sind wir auch schon bei den zwei größten Stärken dieses Musicals. Da ist zum Einen die Musik der Brüder Rob und Ferdi Bolland, die die Musketiere mit Ohrwürmern satt ausgestattet hat. Und die großen Arrangements verfehlen auch in Bad Gandersheim dank der guten Orchestrierung durch Heiko Lippmann ihre Wirkung nicht. „Einer für Alle“, „Alles“, „Milady ist zurück“, „Constance“ oder das Damen-Terzett „Wer kann schon ohne Liebe sein“ können, um nur einige zu nennen, begeistern und lassen die kleinen Mängel schnell vergessen. Und natürlich der Song, der in der Vergangenheit mehrfach zum Ohrwurm des Jahres gewählt wurde, der „Engel aus Kristall“, bei dem sich auch in Bad Gandersheim Gänsehaut einstellt.

Doch würden die Songs diese Wirkung nicht entfalten, würden die Künstler nicht dazu passen. Und die machen, bis auf eine Ausnahme, richtig Spaß. Allen voran der junge Merlin Fargel, der gerade erst seine Ausbildung an der Essener Folkwang Universität der Künste abgeschlossen hat und nun als D´Artagnan stark an den jungen Patrick Stanke erinnert, der dieser Rolle seinen Stempel aufgedrückt hat. Klare Stimme, starkes Spiel, tolle Fechtszenen, Merlin Fargel kann absolut überzeugen.

Das gilt auch für Franziska Becker als Milady de Winter. Gesanglich hervorragend und schauspielerisch erstklassig wünscht man sich nur eines, dass irgendjemand ihr noch ein schwarzes Kostüm besorgt und eine vernünftige Frisur verpasst, denn es ist sicher kein gutes Zeichen, wenn im Publikum mehr über die grüne Farbe ihres Kleides oder den Zopf oder Dutt (was es auch immer sein soll) diskutiert wird als über ihre wirklich spektakuläre Leistung.

Ebenfalls sehens- und hörenswert die drei Musketiere Athos (Udo Eickelmann), Porthos (Mario Gremlich) und Aramis (Veit Schäfermeier). Eickelmann hat natürlich mit „Engel aus Kristall“ den Showstopper des Musicals zu singen, und auch wenn er dabei nicht an die Ausstrahlung eines Marc Clear in Berliner Zeiten herankommt, so singt Eickelmann den Song mit großer Kraft und Klarheit und schafft es auch, die Rolle des nachdenklichen Führers der Truppe mit Überzeugung zu interpretieren.

Ebenfalls sehr überzeugend Maike Switzer alias Königin Anna und Franziska Schuster als Constance. Beide spielen und singen sehr natürlich und klar, man nimmt ihnen die Person, die sie spielen, nahtlos ab. Switzer hat allerdings den Nachteil, dass auch sie mit einem Kostüm auskommen muss, das so wohl kaum eine französische Königin jemals auch nur in ihren Kleiderschrank gehängt hätte.

Während also fast alle anderen Rollen, auch die hier nicht erwähnten, sehr authentisch von den Künstlern dargebracht werden und man sie problemlos mit den jeweiligen Charakteren identifizieren kann, nimmt man einem sein Spiel nicht ab. Ron Holzschuh spielt zwar der intriganten Kardinal Richelieu, aber er spielt ihn eben nur. Er überzieht die Theatralik, kommt zu steif daher und selbst bei seinen großen Songs „Oh Herr“, „Nicht aus Stein“ oder „Glaubt mir“ wirkt er phasenweise wie ein Fremdkörper. Gesanglich macht er seinen Job absolut gut, ohne Wenn und Aber. Doch wenn das Spiel dazu nicht stimmt, verliert der Gesamteindruck des Kardinals massiv.

Als Fazit kann man festhalten, dass die Domfestspiele sich 2016 an ein Projekt gewagt haben, dass sehr populär ist, aber eben auch viele Grundlagen benötigt. Dennoch ist es den Kreativen gelungen, ihr Publikum weitgehend zufriedenzustellen. Das verdient Anerkennung. Auch das Preis-Leistungsverhältnis stimmt auf dem Platz vor der Stiftskirche. Doch wer die „3 Musketiere“ bereits andernorts gesehen hat, der wird eben auch Abstriche machen müssen. Hinter der Tecklenburger Open-Air Inszenierung des Jahres 2010 bleibt diese Produktion der Domfestspiele Bad Gandersheim jedenfalls etwas zurück. Ist aber dennoch unterhaltsam. Daher von uns noch vier von sechs Sternen.

 

 

Highway to Hellas in Bad Gandersheim

Und darauf einen Ouzo!

Text: Arne Friedrich; Fotos: Domfestspiele Bad Gandersheim.

Die Domfestspiele in Bad Gandersheim haben sich seit Jahren einen hervorragenden Ruf gerade im Bereich ihrer Musicalproduktionen erworben. Neben einem klassischen Musical, in diesem Jahr die „3 Musketiere“, kommen seit einigen Jahren auch immer wieder – meistens sehr lustige - Eigenproduktionen auf die Bühne, die beim Publikum großen Anklang finden und meistens vom Musikalischen Leiter Heiko Lippmann und dem jeweiligen Intendanten, zuletzt Christian Doll, für die Musicalbühne geschrieben wurden. Aktuell ist „Highway to Hellas“ die Produktion, die vor wenigen Tagen ihre Premiere feierte und nun für strahlende Gesichter auf der Zuschauertribüne sorgt. Der Roman, auf den nicht nur ein späterer Film mit Christoph Maria Herbst folgte sondern nun eben auch das Musical, stammt von Arnd Schimkat und Moses Wolff, die beide gemeinsam mit Christian Doll und Heiko Lippmann sowie Regisseur Achim Lenz, der zukünftig übrigens das Zepter bei den Domfestspielen schwingen wird, das Konzept für die Bühnenfassung ausarbeiteten.

Worum geht es bei Highway to Hellas überhaupt? Nun, das Stück ist eine Reaktion auf die griechische Finanzkrise und die damit verbundenen Klischees und Vorurteile, die gerade in Deutschland, aber auch dem restlichen Europa gegenüber den Griechen publiziert wurden. Das dabei andere Kriterien wie Zwischenmenschlichkeit und Lebensfreude auf der Strecke bleiben, wollen die Kreativen nun auch mit dem Musical deutlich machen, allerdings immer mit einem gesunden Augenzwinkern. Entsprechend schnell ist die Handlung erzählt, denn die Geschichte lebt im Wesentlichen von der scheinbaren Spontanität und dem Einfallsreichtum seiner Akteure.

Seit der Ankunft des Bankangestellten Jörg Geissner im Hafen von Paladiki ist die kleine sonnenverwöhnte Insel in Aufruhr. Der Deutsche soll Beweise finden, dass der von seiner Bank gewährte Kredit nicht wie vereinbart für ein Krankenhaus und ein Elektrizitätswerk verwendet worden ist. Die griechischen Inselbewohner setzen alles daran, die Suche des spießigen Schnüfflers zu einem echten Höllentrip werden zu lassen. Vor allem der Marktbesitzer Panos wird nicht müde, mit Unterstützung des Bürgermeisters und der anderen Inselbewohner anderweitig abzulenken. Dabei werden Klischees zuhauf bedient, das Aufeinanderprallen zweier Kulturen wird nach allen Regeln der Kunst ausgeschlachtet. Die Komödie greift ein großes europäisches Thema mit Witz auf, um dabei den Blick aber in erster Linie auf die Menschen und deren Begegnung zu richten.

Marc Bollmeyer sind für die neue Show herrliche Choreografien gelungen, die die Zuschauer begeistern. Die Musik von Heiko Lippmann ist eingängig und hat einige schöne Ohrwürmer zu bieten. Auch die Regie von Achim Lenz kann überzeugen, allerdings hat man zum Finale hin das Gefühl, dass die Inszenierung oder die proben nicht ganz fertig geworden sind, denn das Happy End kommt angesichts der Vorgeschichte doch etwas schnell und einfach, da hätte man sich noch etwas mehr Verwicklungen einfallen lassen können. Optisch hat Cornelia Brey mithilfe mehrerer Holzwände mit Postkartenmotiv ein südliches Ambiente geschaffen, das sich immer schnell den Gegebenheiten anpasst und sich in verschiedene Szenarien verwandelt.

Mit den Künstlern hat Achim Lenz mal wieder Glücksgriffe getan. Dirk Weiler erfüllt das Klischee des gnadenlosen, vom Leben gefrusteten Bänkers mit Bravour. Herrlich auch Ron Holzschuh alias Panos, der mit seinen Spitzfindigkeiten fasziniert. Ihm in nichts nachstehen tut Fehmi Göklu, der gleich in mehreren Rollen zu Lachsalven anregt.

Doch auch die Frauen verstehen ihr Metier. Besonders auffallend mit ihren Darbietungen sind Tabea Scholz als Hotelbesitzerin und Susanna Panzer als Eleni, von denen man gerne noch mehr gesehen und gehört hätte. Insgesamt eine sehr harmonische und motivierte Ensembleleistung, die sich nahtlos dem guten Gesamteindruck anpasst, zu dem auch das Orchester unter der Leitung von Ferdinand von Seebach seinen Teil beiträgt. Ein wenig hat „Highway to Hellas“ auch etwas von der Atmosphäre bei „Mamma Mia!“oder „Der Schuh des Manitu“, die Zuschauerreaktionen waren jedenfalls sehr ähnlich. Dieses Musical ist zwar das, was man allgemein unter „leichter Kost“ führen würde, also nichts für Grimme-Preisträger, aber es ist unterhaltsam, kurzweilig und macht gute Laune. Trotz einiger Kleinigkeiten, die sicherlich verbesserungsfähig sind, geben wir hierfür vier von sechs Sternen.

 

Artus Excalibur in Tecklenburg

Große Kurzweil auf der Burgruine!

Text: Jörg Beese; Fotos: Heiner Schäffer, Ulrich Niedenzu, Stefan Grothus.

Woran erkennt man einen guten Musicalregisseur? Daran, dass er es schafft, aus einer eher schwachen literarischen Vorlage eine Show zu inszenieren, die bereits nach wenigen Sekunden Gänsehaut produziert, die den Zuschauer bis zum Ende der Show in regelmäßigen Abständen immer wieder heimsucht. Dieses Kunststück ist nun gerade Ulrich Wiggers gelungen, der auf der Freilichtbühne Tecklenburg die nicht ganz dankbare Aufgabe übernommen hat, das Musical „Artus Excalibur“ von Frank Wildhorn (Musik), Ivan Menchell (Buch) und Robin Lerner (Liedtexte) zu inszenieren und diese Herausforderung mit einer ganz anderen dramaturgischen Inszenierung umgesetzt hat, als sie ursprünglich am Theater St. Gallen bei der Uraufführung zu sehen war. Und obwohl „Artus Excalibur“ vom Buch her eigentlich schwächelt und immer wieder von kitschigen Momenten durchzogen ist, so hat sich die Tecklenburger Show eine glatte Sechs verdient, nämlich sechs von sechs möglichen Sternen für besonders herausragend inszeniertes und umgesetztes Musiktheater.

Nun ist es kein Geheimnis mehr, dass Ulrich Wiggers´ besonderes Augenmerk dem Schauspiel gilt, ohne das ein gutes Musical nicht auskommen kann. Demzufolge hat er aus der sehr konzertanten St. Gallener Version in Tecklenburg kurzerhand ein personenbezogenes Stück gemacht, in dem es vielmehr um die Charakterdarstellung der handelnden Personen geht, ohne dabei den musikalischen Anteil zu vernachlässigen. Seine herausragende Cast dankt ihm diesen – nicht gerade kleinen- Cut gegenüber der Ursprungsversion, denn selten gab es für den Autoren so wenig – nämlich nichts – an der Leistung von Haupt- oder Nebendarstellern auszusetzen.

Doch fangen wir mit den Rahmenbedingungen an. Welch ein Ort würde besser zu Artus Helden-Saga rund um Camelot passen als die Burgruine in Tecklenburg? Da hätte bei Lancelots Kommentar zur „Ruine Camelot“ eigentlich nur noch Artus Antwort gefehlt, dass man in „Germanien in solchen Ruinen sogar musikalisches Theater spielt“. Doch Spaß beiseite, die riesige Bühne der Freilichtbühne bietet Raum für kleine, stille Momente einzelner Darsteller genauso wie für die großen Massenszenen, für die Tecklenburg bekannt ist. Aber: Es passiert immer etwas, was die Handlung ergänzt oder unterstreicht. Es sind viele kleine Momente, hier ein Pas de deux, dort ein kleiner Flirt, die sich im Hintergrund, aber irgendwie auch immer wieder ganz frontal abspielen, obwohl die eigentliche Handlung ganz woanders abläuft. Phasenweise weiß man gar nicht mehr, wo man eigentlich hinschauen soll, denn immer passiert etwas, nie wird diese Inszenierung langatmig oder fade.

Die Kostüme und die Ausstattung (Karin Alberti, Susanna Buller) spiegeln das ritterliche Mittelalter glaubhaft wieder, die eingebauten Ideen, wie die zur Tafelrunde umfunktionierten Ritterschilde, sind ebenso einfach wie genial.Nicht auszudenken, wenn man noch etwas länger die Dunkelheit und das dazugehörige Lichtdesign nutzen könnte, aber kann man keine Lichtstimmungen wegen des Tageslichts nutzen, tut es eben auch der Nebel, aus dem plötzlich die mystische Gestalt des Merlin auftaucht. Gleich zu Beginn des Stücks, das nach nicht einmal fünf Minuten schon Gänsehaut pur auslöst.

Auch bei den Choreografien von Kati Heidebrecht gibt es keinen Grund zum Meckern, sie sind zeitgemäß, nicht überzogen und dennoch ausdrucksstark. Der Musikalische Leiter Tjaard Kirsch unterstützt diese großen Ensemblemomente wie auch die ruhigen Solo- und Duett-Arrangements mit seinem 23-köpfigen Orchester perfekt und übertönt trotz sattem Sound in keiner Phase seine Künstler.

Trotz des zwischenzeitlich einsetzenden Regens ließ sich das Ensemble am Premierenabend überhaupt nicht beirren und zog sein Ding durch. Und wie! Angeführt von einem darstellerisch wie gesanglich brillanten Armin Kahl als Artus über eine bezaubernde Milica Jovanovic alias Guinevere, den magischen Kevin „Merlin“ Tarte und die herrlich böse-intrigante Roberta „Morgana“ Valentini, die es aber trotz ihrer fiesen Rolle auch schafft, positive Emotionen zu wecken, hier spielen wirklich derzeit die besten der besten. Unbedingt erwähnt werden muss auch Dominik Hees, der in „Lancelot“ scheinbar seine Paraderolle gefunden hat und vom Publikum mit hoch verdienten Ovationen belohnt wurde. Christian Schöne darf als Loth von Orkney endlich mal wieder den Bösewicht pur rauslassen und genießt das sichtlich, ebenso wie sein Bühnensohn Thomas Hohler als Sir Gareth. Nicht vergessen dürfen wir, stellvertretend für allen anderen Darsteller, auch Andrea Luca Cotti, der als Lucan zwar einen frühen Bühnentod sterben muss, aber zuvor für breites Grinsen bei der Überbringung von Artus Heiratsantrag sorgt. Personell hat sich die Auswahl und der große Aufwand auf Deutschlands Vorzeigebühne als wieder einmal gelohnt, wenn auch noch das Wetter mitspielen würde, dann sollte diese Produktion zu einem Zuschauerrenner werden. Das neue (teure) Zeltdach über den Zuschauerrängen hielt übrigens trotz strömenden Regens allen Durchbruchversuchen des Wassers problemlos stand.

Zwar kann selbst ein Ulrich Wiggers zum Ende des Stücks nicht alle Kitschmomente wegzaubern, aber so schlimm ist das dann auch nicht und die Kreativen vor Ort kann man für diese Vorlage ohnehin nicht verantwortlich machen. Aber was hier geschaffen wurde, ist ohne Zweifel etwas Großes. Natürlich erfordert es auch einen großen Aufwand, eine Bestseller-Romanvorlage in ein Erfolgsmusical umzufunktionieren, wie beispielsweise „Les Miserables“ oder „Das Phantom der Oper“. Aber noch wertvoller ist es ohne Zweifel, wenn ein kongeniales Team es zusammen mit seinem Ensemble schafft, aus einem „Zweckroman“ eine Prachtproduktion mutieren zu lassen. Genau das ist der Freilichtbühne mit Artus Excalibur nun gelungen, darum sollte man sich dieses Highlight nicht entgehen lassen. Und über die Ticketpreise braucht man auf der Freilichtbühne nun wirklich nicht zu diskutieren. In Hamburg oder Stuttgart zahlt man nämlich für weniger bis gleichen Unterhaltungswert bis zum Vierfachen der hiesigen Ticketpreise. Auf der Burg passt alles (bis auf´s Wetter), daher nochmal: Sechs von sechs möglichen Sternen!

 

 

Der Medicus in Fulda

Fulda feiert die neue Spotlight-Uraufführung!

Text: Jörg Beese; Fotos: Spotlight Musicalproduktion.

 

Für Erfolgsgeschichten ist die Spotlight Musicalproduktion in Fulda seit nunmehr 12 Jahren deutschlandweit bekannt, Inszenierungen wie „Bonifatius“, „Die Päpstin“ oder zuletzt „Die Schatzinsel“, um nur ein paar Beispiele zu nennen, erwiesen sich als Erfolgsgaranten, diverse Preise wanderten aufgrund der hohen Qualität in die Bonifatiusstadt. Da war es nicht wirklich eine Überraschung, dass auch das jüngste Produkt der beiden Geschäftsführer Peter Scholz und Dennis Martin vom Publikum frenetisch gefeiert wurde. Denn nachdem sich Spotlight die Rechte für Noah Gordons Bestseller „Der Medicus“ gesichert hatte, feierte nun die entsprechende Musicalversion am 17. Juni im Fuldaer Schlosstheater ihre Welt-Uraufführung. Übrigens im Beisein von Noah Gordons Sohn Michael, der eigens mit Freunden und Angehörigen zur Premiere angereist war. Wie weit sich die Fuldaer Musicalproduktionen inzwischen entwickelt haben, konnte man auch am Kreativteam dieser neuen Show erkennen, denn mit Holger Hauer (Regie), Kim Duddy (Choreografie) oder Christoph Weyhers (Bühnenbild) liest sich das Programmheft wie das „Who is Who“ der deutschen Musicalszene. Auch wenn die familiäre Atmosphere früherer Jahre inzwischen bei den Premieren etwas verloren gegangen ist, qualitativ bietet „Der Medicus“ zu einem unschlagbaren Preis-Leistungsverhältnis beste Unterhaltung und kann in allen Bereichen überzeugen.

In allen Bereichen? Sicherlich wird es Kritiker geben, die sich darüber beschweren, dass viele Passagen der Romanvorlage gestrichen oder in nur angedeuteter Form gekürzt wurden. Doch wie lang hätte diese Aufführung denn werden sollen? Mit rund zweidreiviertel Stunden (inklusive Pause) hat „Der Medicus“ eine gesunde Länge und bietet eine gesunde Mischung aus Kurzweil, Unterhaltung, Dramatik und Wissenswertem. Das Bühnenbild ist sehr maleristisch gehalten und wird durch clevere Videosequenzen und Projektionen sowie eine passenden Lichtdesign (Pira Virolainen) unterstützt. Das Timing wird sicherlich noch perfektioniert, denn beim abschließenden Feuerpfeilhagel auf Isfahan fielen die ersten Statisten schon tot um, als die Pfeile noch gar nicht zu sehen waren, aber das sind Peanuts, die sich einspielen werden. Jede Szene ist aufgrund der optischen Vorlagen jedenfalls auf Anhieb nachvollziehbar und selbst beim Sandsturm meint man, die Körner zwischen den Zähnen zu spüren.

Die Handlung dürfte aufgrund des Erfolgs des Romans bekannt sein: Im England vor über 1000 Jahren wird der junge Rob Cole zum Waisen und schließt sich als Lehrling einem fahrenden Bader an. Schon bald entdeckt er seine Gabe und entwickelt den unbändigen Wunsch, Medicus zu werden. So macht er sich auf eine gefährliche Reise, um im persischen Isfahan bei Ibn Sina, dem Arzt aller Ärzte, zu lernen. Da es Christen zu dieser Zeit untersagt ist, an arabischen Universitäten zu studieren, muss er sich als Jude ausgeben, was ihn zu einem gefährlichen Versteckspiel zwingt. Er erforscht streng verbotene Bereiche der Medizin und riskiert dabei sein Leben, aber seine Bestimmung gibt ihm die Kraft und den Mut weiter an der Verwirklichung seines Traums zu arbeiten. Er wird Vertrauter des Schahs, kann seine wahre Identität aber niemandem anvertrauen. In diesem spannenden Umfeld findet er nicht nur die Liebe seines Lebens, sondern schlussendlich auch zu sich selbst.

Wer alle Spotlight-Musicals gesehen hat, dem werden sicherlich diverse Passagen des neuen Werkes leicht bekannt vorkommen. Das man sich aber mehrfach an „Die Päpstin“ und vor allem „Bonifatius“ erinnert fühlt, ist keiner kompositorischen Faulheit geschuldet, sondern ganz normal. Schließlich hat jeder Komponist seinen persönlichen Stil, das ist bei Dennis Martin nicht anders als bei Andrew Lloyd Webber, Stephen Sondheim oder Frank Wildhorn. Und das „Bonifatius“ bei vielen Besuchern als Stichwort zu hören war, liegt zweifellos auch an Reinhard Brussmann, der als Ibn Sina sowohl optisch wie musikalisch, an den Gründungsvater der Stadt aus dem gleichnamigen Musical erinnert.

Womit wir auch schon beim Ensemble währen. Zugegeben, als „Neuling“ ist es schwer, im Schlosstheater ein Spotlight-Musical zu spielen, denn die Produzenten setzen immer wieder auf bewährte Kräfte. So auch 2016, denn mit Friedrich Rau, Sabrina Weckerlin, Reinhard Brussmann, Lutz Standop oder Andreas Wolfram besetzen ausschließlich Spotlight-bekannte Gesichter die wichtigsten Hauptrollen. Was der Qualität aber keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Man kennt sich eben und das scheint die Akteure noch mehr zu beflügeln. Da glänzt Friedrich Rau als Rob Cole, der als junger Mann einen gefährliche, zwei Jahre andauernde Reise ins ferne Persien antritt, um beim legendären Arzt Ibn Sina so viel über Heilmethoden zu erfahren, dass er den Menschen endlich helfen kann, dank neuer Behandlungsmethoden länger zu überleben. Schauspielerisch wie musikalisch gibt es an Raus Leistung nichts zu meckern, höchstens seine Mikro-Aussteuerung sollte nochmal genauer justiert werden.

Sabrina Weckerlin ist eine ebenso überzeugende Mary Cullen, die interessanterweise ihre prägnantesten Momente gar nicht in ihren Auftritten mit Rob hat, sondern mit ihrem Vater oder mit Mirdins Frau Fara. Darstellerisch spielt sie – wieder einmal – die Rolle der jungen, verliebten Frau, wie sie es auch schon u.a. in „Kolping“, „Die Päpstin“ oder der Stage-Eigenproduktion „3 Musketiere“ getan hat. Es wäre spannend, wenn sie auch mal einen ganz anderen Charakter spielen dürfte, nichtsdestotrotz agiert sie schauspielerisch und musikalisch absolut souverän und mit klarer Ausstrahlung.

Ein Heimspiel hat der glänzend aufgelegte Reinhard Brussmann als Ibn Sina. Viele Besucher kennen und verehren den ehemaligen Bonifatius-Darsteller und auch Dennis Martin erinnert in seinen neuen Kompositionen für Brussmann musikalisch durchaus an das Erstlingswerk des Jahres 2004, beispielsweise fühlt man sich zeitweise in den Ohrwurm „Gib mir Kraft“ zurückversetzt. Und so kann man die Liste eines hoch motivierten Ensembles beliebig fortsetzen. Etliche Darsteller spielen mehrere Rollen, aber das tut dem gelungenen ganzen keinen Abbruch. Devi-Ananda Dahm, Leon van Leeuwenberg, Sebastian Lohse oder Thomas Christ seinen hier nur stellvertretend für eine herausragende Cast genannt, in die sich auch die Kinderdarsteller, allen voran Paula Weber als junger Rob, nahtlos einfügen.

Unbedingt erwähnt werden müssen noch die Choreografien von Kim Duddy. Die gelungene Mischung aus orientalischen Klängen sowie Elementen aus Tango, Samba und Mambo stellt für sie scheinbar keine Herausforderung dar. Die großen und zahlreichen Tanzszenen, in die auch die Hauptdarsteller eingebunden sind, sind eines der Highlights dieser neuen Produktion.

Insgesamt ist „Der Medicus“ bei sehr angenehmen Eintrittspreisen ein höchst unterhaltsames Musical mit kurzweiliger Handlung, starkem Ensemble, herrlicher Optik und sehr dynamischen und sehenswerten Choreografien. Einziges kleines Manko: Uns sind die Gänsehautmomente etwas zu selten, die sich eigentlich nur einstellen, wenn Reinhard Brussmann mit seiner grandiosen Stimme den Saal in lebendig werdende Vibrationen versetzt.  Einem Ausflug an die A7 steht aber absolut nichts im Wege. Wenn da nicht das „Problem“ wäre, dass bereits viele Vorstellungen praktisch ausverkauft sind und es gar nicht so einfach ist, noch an gute Karten für einen Wunschtermin zu kommen. Den Produzenten wird es recht sein, denn die kleine Produktionsfirma in Fulda kommt komplett ohne staatliche Zuschüsse aus und refinanziert sich ausschließlich durch Sponsoren und Zuschauereinnahmen. Von uns bekommt "Der Medicus" in Fulda jedenfalls fünf von sechs möglichen Sternen.

 

 

Don Camillo & Peppone in St. Gallen

Unterhaltsam - Aber das i-Tüpfelchen fehlt!

Text: Jörg Beese; Fotos: Andreas J. Etter.

Das Theater St. Gallen ist seit Jahren für seine ansprechenden Musicalproduktionen bekannt. Immer wieder überrascht Intendant Werner Signer mit namhaft besetzten Musicalproduktionen, darunter auch zahlreiche Uraufführungen. Das jüngste Produkt, dass in dem modernen Theaterbau seine Premiere feierte, ist „Don Camillo und Peppone“ aus der Feder von Michael Kunze und Dario Farina. Wer erinnert sich nicht an die auch heute noch immer wieder gern gesehenen Filmreihe mit dem großartigen Fernandel in der Hauptrolle des launischen Dorfpfarrers Don Camillo und die herrlich pointierten Dialoge zwischen ihm und seinem dorfbürgermeisterlichen Kontrahenten. Andreas Gergen hat für die neue Inszenierung, die im übrigen eine Co-Produktion mit den Vereinigten Bühnen Wien ist, die Regie übernommen, die Musikalische Leitung hat Robert Paul.

Eins kann man gleich zu Beginn der Premierenkritik feststellen: Die neue Show in St. Gallen ist durchaus unterhaltenswert, bietet optisch ein herrliches Bühnenbild (Peter J. Davison) und wechselhafte, der Zeit und den damaligen, eher ärmlichen Umständen angepasste Kostüme (Yan Tax) und lässt auch technisch kaum Wünsche offen. Auch beim Ensemble sind allenfalls minimale Abstriche erlaubt, die jedoch weniger mit den Künstlern als mit der Personenregie zu tun haben.

Musikalisch hat Dario Farina auf recht moderne Musical-Arrangements gesetzt, denen ein wenig mehr Bandbreite, um nicht zu sagen Abwechslung, gut getan hätte, die aber insgesamt sehr harmonisch dargeboten werden.

Kritik muss sich aber ausgerechnet Andreas Gergen gefallen lassen, denn dem erfahrenen Regisseur ist es nicht gelungen, die Charakteristiken hervorzuheben, durch die der Film gestern wie heute noch seine Brillanz verbreitet. Gerade der wichtigste Aspekt, die mimische und verbale Konfrontation zwischen Don Camillo und Peppone, hat in St. Gallen massiv an Bedeutung verloren. Und das dürfte weniger an den Darstellern als am dramaturgischen Feingefühl von Gergen und Dramaturgin Deborah Maier liegen. Hier wurde nicht am Wortwitz und der damit verbundenen Emotionalität in der Mimik und der Gestik bis ins Letzte gefeilt. Da muss der Regisseur froh sein, dass Andreas Lichtenberger als Don Camillo hier aufgrund seiner großen schauspielerischen Klasse noch viele Szenen rettet, bei Frank Winkels alias Peppone gelingt das leider nicht, wodurch die Faszination des Wortes leider mehrfach im Sande verläuft.

Da muss man froh sein, dass das Ensemble so großartig drauf ist. Und das es über drei Lichtgestalten verfügt, die sich lange und nachhaltig ins Gedächtnis einprägen. Da ist zum einen der bereits erwähnte Andreas Lichtenberger, der seinem Don Camillo eine herrlich kampfeslustige Note verleiht, darstellerisch perfekt agiert und auch musikalisch überzeugen kann. Dann folgt mit Walter Andreas Müller ein wunderbar, scheinbar todkranker „Greis“ als Nonno, der beim Anblick der schönen Dorflehrerin Laura wieder zum leben erweckt wird. Ihm verdankt die Show wohl die meisten Lacher, herrlich, wie der „alte Mann“ wieder zum Jungbrunnen wird.

Der eigentliche Star des Abends ist aber Maya Hakvoort.  In der Rolle der alten Gina führt sie als Erzählerlin durch die Handlung, beobachtet sich gleichzeitig selbst, denn als junge Gina lässt   Jacqueline Reinhold parallel ihre Lebensgeschichte Revue passieren. Obwohl sie als Erzählerin eigentlich gar nicht die massive Bühnenpräsenz bekommt, erhält Maya Hakvoort wohl den stärksten Schlussapplaus von allen Darstellern. Und das völlig zu recht, denn ihre Ausstrahlung ist massiv und vermittelt teilweise Gänsehaut, spielerisch wie musikalisch ist das Musicalperfektion as it´s best. Chapeau Maya Hakvoort!

Doch auch in den weiteren Rollen kann St. Gallen punkten. Kurosch Abbasi spielt an der Seite von Jacqueline Reinhold einen überzeugenden Mariolino, auch seiner Bühnenpartnerin nimmt man die aufbegehrende Tochter des strengen Vaters Filotti (stark: Reinhard Brussmann) sofort ab. Femke Soetenga gibt eine herrlich sympathische Dorflehrerin, der die Turtelei mit dem greisen Nonno sichtlich Spaß macht. Insgesamt eine sehr ansprechende Ensembleleistung, die Lust auf mehr macht. Natürlich darf auch die Stimme aus dem Off nicht fehlen, Marlon Wehmeier agiert als Don Camillos kirchlichem Gesprächspartner Jesus, doch leider lässt es auch an dieser Stelle die Regie an Einfühlsamkeit bezüglich der – eigentlich ironischen – Untertöne Jesu´ mangeln.

 

Insgesamt ist es dennoch ein unterhaltsamer Abend. Knapp 2:40 Stunden dauert die Show inklusive Pause in einem Theater mit guter Akustik und guten Sichtbedingungen. Nimmt man die Eintrittspreise, dich sich zwischen 60 bis 125 Schweizer Franken bewegen, was  54 bis 113  Euro entspricht, dann ist Don Camillo und Peppone, gemessen am Preis-Leistungsverhältnis, sicher kein Schnäppchen, aber immer noch in einem - für Schweizer Verhältnisse - vertretbaren Bereich. Der Autor würde daher für diese  Show vier von sechs Sternen vergeben.

 

 
 
 
 

 

 
 

 

 

 

 

 

 
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